Mohrs Freundschaft mit D.H. Lawrence

D.H. Lawrence

D.H. Lawrence

Eine besondere Freundschaft

Die Freundschaft mit dem englischen Schriftsteller D.H. Lawrence (1885-1930) nahm in Mohrs Leben eine Sonderstellung ein, nicht nur wegen ihrer Intensität, die die anderer Beziehungen zu Literaten deutlich übertraf, sondern auch wegen einer gewissen literarischen Verwandtschaft.

Lawrence als wichtiger Bezugspunkt

Ihre Bekanntschaft begann im Jahre 1927, als Mohr Lawrence ein Stück zur Begutachtung schickte. Dessen Beurteilung fiel skeptisch aus, doch ein Anfang für einen näheren Kontakt war gemacht. Lawrence gewann für Mohr in einer Lebensphase Bedeutung, in der seine literarische Karriere ins Stocken gekommen war und in der er zunehmend an sich zweifelte. Eva Mohr, seine Tochter, äußerte dazu (zitiert nach Carl-Ludwig Reichert, Lieber keinen Kompaß, als einen falschen, München 1997, s 83): „(…) Er [Mohr] war nicht zufrieden mit sich, obwohl er damals doch anerkannter deutscher Schriftsteller war. Und bekannt zumindest und zum Teil befreundet mit vielen Großen. Er hat stundenlang mit Lawrence diskutiert, sie haben ein bißchen die ähnlichen Absichten gehabt. Er hat Lawrence dann auch ärztlich betreut in der letzten Zeit vor seinem Tod und war viel unterwegs mit ihm. Das war eine wichtige Freundschaft für ihn. (…)“

D.H. und Frieda Lawrence zu Besuch in Bayern 1929

D.H. und Frieda Lawrence zu Besuch in Bayern 1929

Kritische Auseinandersetzung mit den Werken

Lawrence äußerte sich auch zu anderen Werken Mohrs kritisch, so zu Venus in den Fischen, in einem Brief vom 22.3. 1928 (Original englisch): „Nein, Venus in den Fischen hat mir nicht wirklich gefallen, das ist zu modern für mich, Sie wissen, ich bin wirklich ein bisschen „altmodisch“ [im Original deutsch] (…) Sie interessieren sich nicht für Leute (…) Sie schreiben Romane, als ob Ihre Figuren Marionetten wären. (…)“ Diese Art von Kritik tat der Freundschaft keinen Abbruch. Mohr und Lawrence standen in regelmäßigem Briefkontakt und gaben sich über ihr Schreiben gegenseitig Rechenschaft. Am Briefwechsel hatten auch die Ehefrauen Käthe Mohr und Frieda Lawrence Anteil. Die Natur als urwüchsige Kraft, die in Lawrences Werk immer wieder eine wichtige Rolle spielt, war etwas, was auch Mohr beschäftigte, für den der Gegensatz von Natur und Zivilisation immer wieder ein wichtiges Thema gewesen war, nicht nur in der Literatur, sondern auch im Leben mit den Polen Wolfsgrub und Berlin.

Ärztliche Betreuung

Gegen Ende seines Lebens wohnte der schwer tuberkulosekranke Lawrence mehrere Monate nahe der Wolfsgrub.  Im September 1929 begleitete Mohr, der ihn ärztlich betreute,  Lawrence für einige Zeit nach Südfrankreich, wovon Briefe an seine Frau Käthe zeugen, wie der vom 13.10. 1929 aus Bandol: „(…) Lawrence hat heute eine Blutung gehabt. (…) Es war eine Blutung von altem Lungenblut, gestockt – eine frische wär tödlich gewesen (…) Ruhe, mehr kann man heute nicht tun.“ Lawrences Tod Anfang März 1930 in Vence war für Mohr ein schwerer Schlag. Dadurch wurde nicht nur eine geplante Übersetzung von Lawrences wohl berühmtestem Roman Lady Chatterley durch Mohr zunichte gemacht, vor allem verlor Mohr seinen wichtigsten Gesprächspartner in literarischen Dingen.

Postkarte aus einer Pension in Bandol (Südfrankreich), wohin Mohr Lawrence auf seiner letzten Reise begleitete, unten am Bildrand die Inschrift „Mein Schreibtisch, wo ich Dir dies schreib (sonst immer Balkon)“

Postkarte aus einer Pension in Bandol (Südfrankreich), wohin Mohr Lawrence auf seiner letzten Reise begleitete, unten am Bildrand die Inschrift „Mein Schreibtisch, wo ich Dir dies schreib (sonst immer Balkon)“

Literarische Aufarbeitung der Freundschaft

Mohr hat seiner Freundschaft mit Lawrence in zwei Werken ein Denkmal gesetzt: Dem Roman Die Freundschaft von Ladiz (1931), dem auch eine gedruckte Widmung an Lawrence vorangeht, und in der Erzählung Der Engel mit dem roten Bart, erschienen in der Bibliothek der Unterhaltung und des Wissens, Bd. 5, 1935. Dort wird die von Lawrence inspirierte Titelgestalt wie folgt beschrieben: „Er war eine richtige „Erscheinung“. Auf den ersten Blick sah’s aus wie ein Mann im städtischen Anzug. Die Ellenbogen waren auf die Knie aufgestützt; das Gesicht mit dem kurzgeschnittenen roten Bärtchen war halb in den Händen vergraben (…)“. Lawrences Tod verschärfte Mohrs Krise. Doch nur drei Jahre später sollte es noch schlimmer kommen.