Shanghai

Mohr mit seinen Ärztekollegen Dr. Danziger und Dr. Suessbach

Mohr mit seinen Ärztekollegen Dr. Danziger und Dr. Suessbach

Auswanderung nach Shanghai

Ende 1934 entschloss sich Mohr, als Arzt nach Shanghai zu gehen. Er reiste zunächst allein; Frau und Tochter wollte er später nachholen. Die Entscheidung, wieder als Arzt zu arbeiten, war ein Bruch mit der Konzentration auf die literarische Tätigkeit in der Zeit vorher.

Mohr und das Judentum

Bis zum Jahre 1933 hatte sich Mohr, wie viele andere assimilierte Juden auch, kaum als Jude wahrgenommen. In seinem Lebensalltag spielte das Judentum praktisch keine Rolle. Mit seiner Frau Käthe feierte er regelmäßig Weihnachten. Seine Tochter Eva behauptete in einem von Mohrs Enkel Nicolas Humbert gedrehten Dokumentarfilm sogar, Mohrs Frau habe wohl nicht gewusst, dass er Jude war. Unabhängig davon, ob das zutrifft, bleibt festzuhalten, dass Mohr eine jüdische Identität erst durch die Nazis aufgezwungen wurde. Mit der Machtergreifung wurde sein Status prekär. Auf Dauer hätte ihn auch sein Status als hochdekorierter Frontkämpfer des 1. Weltkrieges kaum vor Verfolgung schützen können. Im Übrigen war nach den Bücherverbrennungen im Mai 1933 und der Gleichschaltung der Verlage – Mohrs Hausverlag Georg Müller ging in den Besitz der nationalsozialistischen Deutschen Arbeitsfront über – an eine Zukunft als Schriftsteller nicht zu denken, auch wenn das erste eines seiner Bücher – den Roman Die Heidin – betreffende Verbot erst 1938, also nach Mohrs Tod, erging.

Mit einem Bild Käthes (auf der Rückseite Widmung an sie)

Mit einem Bild Käthes (auf der Rückseite Widmung an sie)

Gründe für die Emigration

Dennoch wäre es nicht zutreffend, den Grund für Mohrs Emigration nach Shanghai Ende 1934 allein in der Machtergreifung der Nationalsozialisten zu sehen. Mohrs künstlerische Misserfolge der zweiten Hälfte der 20er Jahre hatten in einer wirtschaftlich ohnehin schwierigen Zeit gravierende finanzielle Probleme verursacht. Dem entsprach der Wunsch, sich durch eine Rückkehr zum Arztberuf wieder eine bodenständigere und gesichertere Existenz aufzubauen. Da in Deutschland ab dem 22.4.1933 jüdischen Ärzten die Approbation entzogen wurde, wäre dies zuhause nicht machbar gewesen. Die Einreise nach Shanghai war, anders als in fast allen anderen Weltregionen, visafrei möglich. Zudem hatte Käthe Mohrs Familie über Außenhandelsgeschäfte Kontakte nach Shanghai, u.a. zu dem Rechtsanwalt, Zeitungskorrespondenten und Mitglied der Deutschen Handelskammer Shanghai, Dr. Werner Vogel (1892-1936). Schließlich vermutete Mohr, er würde in China auch über Shanghai hinaus Arbeitsmöglichkeiten vorfinden. Über die drohende Verfolgung und die ökonomischen Gründe hinaus kam Mohr, der seit jeher dem Familienleben ambivalent gegenübergestanden hatte und sich seit seiner Jugend als „Tramp“ verstand, wohl auch der befreiende Charakter eines Neuanfangs entgegen.

Shanghai als Zentrum des deutschen Exils

Shanghai ist erst in den letzten Jahren als bedeutendes Zentrum des deutschen Exils bekannt geworden. Die herausgehobene Stellung gerade dieser, als Exilort zunächst exotisch wirkenden Stadt ergab sich dabei in erster Linie aus der bereits erwähnten Möglichkeit zur visafreien Einreise. Dennoch ist der Fall Mohr ein Sonderfall. Das Gros der deutschen Flüchtlinge, die in Shanghai Zuflucht fanden und dort eine beachtliche Infrastruktur für Exilanten schufen, kam erst nach der Reichspogromnacht 1938 (also nach Mohrs Tod) in die Stadt. Mohr war insofern ein absoluter Pionier, d.h. er hatte es deutlich schwerer als viele derer, die nach ihm kamen.

Schwieriger Anfang

Auf Japanreise: Mohr mit Pferden am Yamanaka-See, August 1937

Auf Japanreise: Mohr mit Pferden am Yamanaka-See, August 1937

Mohr bemühte sich schon auf der Schiffspassage, seine medizinischen Kenntnisse aufzufrischen und Chinesisch zu lernen. In Shanghai wurde er durch Dr. Werner Vogel, den Freund der Familie seiner Frau, aufgenommen und bezog, nachdem er zunächst bei diesem gewohnt hatte, ein Quartier in der Bubbling Well Road 803 als Praxis und Wohnung. Seine Praxis hatte formal die Schwerpunkte Psychiatrie, Neurologie und Homöopathie, faktisch behandelte Mohr jedoch auch andere Patienten. Er versuchte mit hohem Einsatz, seine Praxis zu etablieren, ergriff Werbemaßnahmen und besuchte „Hausbälle“, um sich bekannt zu machen. Auch behauptete er wahrheitswidrig, Assistent bei Prof. Dr. Emil Kraepelin (1856-1926) in München gewesen zu sein und anschließend eine Sanatoriumspraxis in Bad Wiessee geleitet zu haben. Er war außerdem unentgeltlich in verschiedenen Krankenhäusern tätig und besuchte Fachkongresse, um Renommee zu gewinnen. Seine Sozialkontakte blieben, soweit sie nicht der Patientenakquise dienten, beschränkt; die engste Beziehung hatte er zum im selben Haus wohnenden Kollegen Dr. Hans Günther Ulrich Danziger. Er arbeitete außerdem mit einem weiteren Kollegen, Dr. Hanns Ulrich Suessbach, und einem Radiologen unbekannten Namens zusammen. Bei seiner Arbeit in Krankenhäusern interessierte sich Mohr vor allem für die Durchführung von Narkosen, Notoperationen und Assistenzen bei Operationen.

Zunehmende Etablierung

Nach und nach gelang Mohr eine Verbesserung seiner Lage, er gewann renommierte Patienten wie die österreichische Schriftstellerin Vicki Baum (1888-1960), Autorin von Menschen im Hotel und weiteren Erfolgsromanen, chinesische Minister und den persischen Konsul. 1937 unternahm er im August zusammen mit der als Krankenschwester tätigen Agnes Siemssen eine 25-tägige Reise nach Japan. Möglicherweise war die Beziehung zu ihr nicht bloß freundschaftlicher Natur. Die Arbeit an seinem letzten, unvollendeten Roman Das Einhorn war eine Kraftquelle für Mohr.

Tod

Telegramm mit der Todesnachricht

Telegramm mit der Todesnachricht

Der zweite chinesisch-japanische Krieg machte Shanghai seit August 1937 zu einem zunehmend unangenehmen Aufenthaltsort. In der Schlacht um Shanghai (August-November 1937) verteidigten Truppen der nationalchinesischen Kuomintang die Stadt gegen die schließlich siegreichen Japaner. Infolge der Kriegshandlungen verließen viele Ausländer die Stadt. Mohr erhielt seine Praxis jedoch trotz schwindender Patientenzahlen aufrecht und arbeitete außerdem in einem chinesischen Lazarett. Die hiermit verbundene übermäßige Anstrengung bei seit Jahren ungesunder Lebensweise – Mohr war u. a. jahrelang starker Raucher  – führte am 13.11., nach Ende der Kriegshandlungen, zu einem Herzinfarkt, dem Mohr erlag.. Die Urne mit Mohrs Asche sollte in Deutschland beigesetzt werden, durfte dann aber nicht eingeführt werden, da im nationalsozialistischen Deutschland die Einfuhr sterblicher Überreste von Juden verboten war. Mohrs Urne wurde deshalb durch den Schiffskapitän, einen Freund Mohrs, im Meer vor Helgoland versenkt. Käthe Mohr erhielt eine Karte, auf der die entsprechende Stelle gekennzeichnet war.